Kinderbuch und Jugendbuch - wir behandeln alle Themen.
Intro: Die Kinderbuchpraxis. Hier behandeln Dr. Stefan und Mr. Ralf Themen rund ums Kinder- und Jugendbuch. Sie sprechen über aktuelle Entwicklungen auf dem Buchmarkt oder über Bücher. Und zwar jeden zweiten Freitag. Mr. Ralf, das ist Ralf Schweikart. Dr. Stefan, das ist Dr. Stefan Hauck. Sprechstundenhilfe Kai: Von der Theaterbühne zum Radio und vom Radio zum Kinderbuch. Sprechstundenhilfe Kai: Maja Nielsen schreibt Jugendbücher und Hörbücher, aber sie schreibt nicht nur, sondern erweckt ihre Stoffe auf Lesungen und Bühnen regelrecht zum Leben. Wie sie das schafft? Tür auf zur Kinderbuchpraxis. Mr. Ralf: Ja, heute zu Gast bei uns ist Maja Nielsen und- Und Dr. Stefan: darauf haben wir gewartet. Also das ist wunderbar. Ja. Da, genau. Ähm, endlich haben wir sie hier zu uns, äh, sogar nach Kriftel ins Studio lotsen können und sie ist da, live und in Farbe. Mr. Ralf: Genau. Maja Nielsen: Ja, hallo.
Dr. Stefan Schön, dass du da bist.: Maja Nielsen: Danke. Freu mich auch. Mr. Ralf: Ja, viele kennen sie erst mal über ihre Sachbuchreihe, die sie ja auch, äh, in vielen, vielen Lesungen und auf vielen, vielen Veranstaltungen vorgestellt hat. Mr. Ralf: Ähm, die heißt Abenteuer? Die heißt Maja Nielsen: sogar Abenteuer Maja Nielsen Mr. Ralf: erzählt. Genau. Ähm, also 'ne besondere Form von Sachbuch, weil das ist ja jetzt nicht so ganz gewöhnlich, dass jemand Sachbücher so liest und so vor Kindern vorstellt, aber du hast es gemacht und du bist dafür sogar mit dem Lesekünstlerpreis ausgezeichnet worden. Mr. Ralf: Ist schon ein paar Jahre her. Dr. Stefan: 2013 auf der Leipziger Buchmesse, aber- Mr. Ralf: Es zeigt ja schon mal, es geht mit Sachbüchern wunderbar Dr. Stefan: offenbar. Ja, und du bist 'ne Marke damit eigentlich auch. Also das, ähm, hat man sonst eigentlich selten, dass, äh, sozusagen diese Reihe, diese Bekanntheit, diese Markenbekanntheit, damit bist du 'ne Marke geworden. Dr. Stefan: Wie, wie kamst du auf die Idee, das zu entwickeln, diese Reihe? Maja Nielsen: Oh Gott, wie kam ich auf die Idee? Dr. Stefan: Muss man ja die erst mal kriegen, ne?
Maja Nielsen Ja, jetzt muss ich's direkt selber: überlegen. Also, ähm, es begann, also es begann bei Adam und Eva, muss ich jetzt anfangen. Dr. Stefan: Ja. Maja Nielsen: Also, ähm, ich, äh, war ja früher Schauspielerin. Mhm. Maja Nielsen: Ja? Und dann, äh, hab ich Kinder gekriegt und da war mir klar, dass Theater und Kinder, das funktioniert nicht. Und, äh, dann hab ich gedacht: Ja, aber ich könnte ja Kinderbücher schreiben. Ich hab meinen Kindern Geschichten erzählt, wie wahrscheinlich viele andere das auch gemacht haben und, äh, die hörten sogar zu, äh, ja, und konnten gar nicht genug davon kriegen. Maja Nielsen: Und dann dachte ich: Oh ja, das mach ich jetzt. Ich versuch jetzt einfach mal, Kinderbuchautorin zu werden. Und dann dachte ich: Ich schreib einen Abenteuerroman. Und dann hab ich gedacht: Abenteuerroman, wo könnte der spielen? Dachte ich: Wüste. Wüste ist doch super. Da, da ist jemand kurz vorm Verdursten und so weiter. Dr. Stefan: Ist Maja Nielsen: ja der Dr. Stefan: kleine Prinz fast.
Maja Nielsen Ja. Und dann hab ich gedacht, ja, dann hab ich lang-- da hab ich bisschen recherchiert. Dann hab ich gefunden Oh, es gibt eine Wüste, die hat 'n ganz tollen Namen.: Wüste ohne Wiederkehr, die Taklamakan. Und dann hab ich gedacht so: Jetzt bruch ich, brauch ich mal jemand, der in der Taklamakan unterwegs war. Maja Nielsen: Und, ähm, dann, äh, und da hab ich tatsächlich einen gefunden, einen Abenteurer von heute. Gut, und dann dachte ich: Wie komm ich an den dran? Ich hab ja nicht Journalismus gelernt. Ja, ich, äh, ja, dann hab ich gedacht, ich biete einfach dem Kinderfunk vom Hessischen Rundfunk eine Sendung über diesen Abenteurer an. Maja Nielsen: Und dann hab ich diese Sendung geschrieben. Die, die haben dann gesagt: „Ja, können wir uns gut vorstellen. Machen Sie ein Feature". Ich hatte keine Ahnung, was 'n Feature ist, aber ich hab gesagt- Aber du hast gesagt: „ Dr. Stefan: Klar." Maja Nielsen: Ja, ich hab gesagt- Dr. Stefan: Für die Wüste mach ich alles. Maja Nielsen: Ja, meine leichteste Übung, so ungefähr, ne.
Maja Nielsen Dann hab ich den Mann getroffen, ähm, und hab Ja, das. Also ich dachte, 'n Feature ist 'n Kessel Buntes, das kannste. Und dann hab ich da irgendwie 'ne Sendung geschrieben und dann haben, als das gesendet wurde, haben fünf Leute: angerufen und die Redakteure haben gedacht, ich hätte alle meine Verwandten angesetzt, beim HR anzurufen und zu sagen: „Das ist aber richtig toll. Maja Nielsen: Mehr davon." Und dann hab ich geschworen: „Nein, es waren nicht meine Verwandten." Aber jedenfalls durfte ich dann weitere Features machen. Dr. Stefan: Mhm. Maja Nielsen: Und dann hab ich eben diese Sendung beim Hessischen Rundfunk, waren die fünfundzwanzig Minuten, danach kamen die Nachrichten, hab ich auf der Buchmesse im Hörbuchverlag angeboten und die haben gesagt: „Ja gut, aber können Sie die auch über siebzig Minuten machen?" Maja Nielsen: Mhm. Ja und auf diese Weise bin ich da reingekommen und das-- der nächste Schritt war dann, dass eben der Gerstenberg Verlag gekommen ist und gesagt hat: „Und jetzt schreiben Sie Bücher." Ja, und dann hatt-- war ich, hatte ich auf Jahre zu tun. Insgesamt sind das neunundzwanzig Sachbücher dann geworden. Mr. Ralf: Also du kommst eigentlich quasi von der Bühne oder vom, sagen wir mal, vom, vom Gesprochenen her zum Buch und nicht umgekehrt.
Mr. Ralf Das Buch war da und jetzt machen wir irgendwie 'n Hörbuch draus. Oder irgendwie, jetzt muss man das auch Kindern vorlesen oder, oder präsentieren oder: performen, wie man das heute macht, sondern eigentlich war der Weg umgekehrt. Ja. Das Buch war quasi das Ergebnis der Erfolge, die du schon im Hörfunk hattest und mit dem Hörbuch. Maja Nielsen: Genau, und ich stell mir eigentlich meine Bücher, auch meine Hörbücher immer vor wie so 'n Theaterstück, ja. Irgendwie der Vorhang geht auf und du musst irgendwie die Zuschauer in deinen Bann kriegen, ja. Und, äh, das ist natürlich beim Hörbuch, da sind mehrere Stimmen, da sind Dialoge, da ist Action, da sind Geräusche, ne. Maja Nielsen: Das fiel mir am Anfang leichter, als Bücher zu schreiben. Also. Mhm. Dr. Stefan: Jetzt musst du uns noch mal kurz, also mich interessiert das zumindest grad sehr, ähm, wie du diesen Wüstenabenteurer tatsächlich gefunden hast. Du hast gesagt, ähm, musstest gucken, wie du den findest, weil das ist ja wahrscheinlich zu 'ner Zeit, wo du nicht einfach mal, äh, im Internet googeln konntest, sondern du musstest wahrscheinlich andere Wege gehen.
Maja Nielsen Doch, das war eben zu der Zeit, ich kam, äh, ähm, aus diesem Theaterleben, dann hatte ich 'n paar Jahre in England gelebt und dann landete ich auf 'm Dorf. Ja und das: passte eigentlich gar nicht zu meiner Persönlichkeit, ja. Gibt ja Leute, die das Landleben lieben. Ja, ich lieb's auch, aber nur wenn da ganz viele Leute sind, ja. Maja Nielsen: Und dann, äh, und zu der Zeit gab's halt Internet und ich hab- Ah, Dr. Stefan: okay. Also es kam grad, okay. Maja Nielsen: Es kam gerade auf und das war für mich das Fenster in die Welt. Aber so wie ich das genutzt hab, ne. Dr. Stefan: Mhm. Maja Nielsen: Und dann hab ich den getroffen Dann hab ich die Sendung geschrieben und dann war ich gleich für 'n deutschen Hörsch-- Hörbuchpreis nominiert. Maja Nielsen: Ja. Also und also es, es lief dann. Ab da lief das dann gut. Ja. Mr. Ralf: Ja. Maja Nielsen: Mhm. Dr. Stefan: Wie ist es denn, äh, sozusagen von deinem, von deinen schauspielerischen Erfahrungen her? Was, was nimmst du da so alles mit rüber jeweils? Alles. Weil wenn du mit, mit Kindern dann s-s-solche, ähm, also, ähm, Veranstaltungen machst, dann merkt man ja auch, du bist sehr präsent. Dr. Stefan: Du bist da, du nimmst die mit. Also, äh, das lebt ja von der Interaktion.
Maja Nielsen Absolut. Also ich würde sogar: behaupten, ich schreibe nur, um zu lesen. Dr. Stefan: Okay. Maja Nielsen: Ich liebe das. Gute Dr. Stefan: Idee. Maja Nielsen: Und ich, ähm, meine Texte, die werden auch an Nach-, Nachbarskindern, Verwandten, jeder, der nicht, äh, nicht wegrennt, ja, der, der wird hingesetzt. Maja Nielsen: Hör mal zu. Und die leben davon, dass es gesprochenes Wort ist und dass es eben dann auch die Zielgruppe erreicht. Dr. Stefan: Wie bist du denn zur Schauspielerei gekommen, sozusagen zu dem Vorleben? War das dann, ähm, schon als Kind dein Wunsch? Ich will mal auf der Bühne stehen. Oder manche Sibylle Hein sagt immer so gern: "Ich bin einfach 'ne geborene Rampensau. Dr. Stefan: Ähm, ich muss da sozusagen im Scheinwerferlicht ab fühle ich mich pudelwohl." Oder wie war das bei dir? Maja Nielsen: Ja, also so ähnlich würde ich sagen, nicht. Ich hab irgendwie an der Schule, äh, Schülertheater gemacht und hab dann die ganz klassische Ausbildung gemacht. Nach der, äh, nach der Schule hab ich mich bei an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Hamburg beworben. Dr. Stefan: Mhm. Maja Nielsen: Achthundert Bewerber gab's damals. Oh. Sieben Plätze. Dr. Stefan: Oh.
Maja Nielsen Und ich hab: einen davon gekriegt. Mhm. Und das war mein Weg ans Theater. Dann hab ich mehrere Jahre am Theater gespielt. Hamburg war ich am Thalia Theater, München, Stuttgart, Tübingen, Kassel. Ja, und dann musste ich mich neu erfinden, weil dann kamen die Kinder und- Und das Dorf Das Dorf. Maja Nielsen: Ja, und wirklich durch meine Kinder habe ich eigentlich erst gemerkt, dass ich schreiben kann. Ja. Mr. Ralf: Du hast jetzt gesagt, du hast jetzt über ein paar und zwanzig- Neunundzwanzig. Neunundzwanzig der Abenteuer Maja Nielsen Bücher gemacht. Wann-- Gibt's nur neunundzwanzig Themen? Oder warum hörte das dann auf? Maja Nielsen: Ja, ich weiß es nicht.
Maja Nielsen Also irgendwann hatte ich auch Lust, an was anderes zu machen, ne. Dann habe ich ja diese Jugendromane, äh, geschrieben. Feldpost für Pauline oder, ähm, oder Tatort Eden. Und, äh, eigentlich sind die, ähm, äh, es ist die Sachbuchreihe und die Romane, die sind sehr verwandt, weil, ähm, ja, das sind, ähm, auch die Romane sind minutiös: recherchiert. Dr. Stefan: Mhm. Maja Nielsen: Ja. Dr. Stefan: Also vielleicht Feldpost für Pauline. Geht's um den Ersten Weltkrieg. Und, äh, gut, jetzt könnte man sagen, das, das war wahrscheinlich im, im Vorgriff auf den, auf das, wie sagt man, den hundertsten, hundertste- Jahrestag. Jahrestag sagt man, genau. Ähm, aber, äh, wie bist du da vorgegangen bei der, bei der Recherche? Dr. Stefan: Um, um, äh, mir, mir schien's beim Lesen so, dass du da, ähm, s-sehr genaue Kenntnis hast, äh, wie das tatsächlich gewesen ist vor über hundert Jahren. Maja Nielsen: Ja, äh, genau. Also am Anfang steht man da ja wie der Ochs vorm Berg. Das war 'ne Auftragsarbeit ursprünglich vom Westdeutschen Rundfunk. Die haben gefragt: „Kannst du 'n Beitrag verfassen?" Maja Nielsen: Es war irgend, ich weiß gar nicht welcher Jahrestag wahrscheinlich. Dr. Stefan: Also für 'n Hörfunk.
Maja Nielsen Für 'n Hörfunk. Für 'n Hörfunk. Es, es begann als Hörspiel und, ähm, und dann hab ich erst den Roman. Also eigentlich wieder der gleiche Weg wie vorher. Okay. Und, ähm, ja, ich, äh, zuerst wusste ich gar nicht, wie ich das machen sollte, gerade für Kinder.: Maja Nielsen: Aber als ich dann anfing, Feldpostbriefe zu lesen, da bin ich diesen Menschen begegnet, ja, die damals in den Krieg ziehen mussten, voller Begeisterung und nicht wussten, was auf sie zukommt. Diese Materialschlachten im Ersten Weltkrieg, ne. Und in dem Moment, wo man Menschen begegnet, wo das, also wenn man Erster Weltkrieg denkt, ja, jetzt in unserer Generation, da sieht man diese Kriegerdenkmäler. Maja Nielsen: Ja, da sind oft so, die sind oft hässlich nach unserem Empfinden, in alter Schrift, Soldaten mit 'm, äh, was weiß ich, mit 'm Stahlhelm. Ja, genau. Aber wenn man den Briefen begegnet, dann begegnet man Menschen und dann fallen einem Geschichten ein. Ganz, ganz schnell. Dr. Stefan: Die sind ja oft sehr berührend, diese Briefe. Dr. Stefan: Ja. Wo, ähm, ähm, wenn man drei, vier, fünf von demselben, ähm, Absender hat, wo man denkt: „Boah, was müssen die erlebt haben?" Maja Nielsen: Absolut.
Mr. Ralf Es ist interessanterweise so, dass deine erzählenden Bücher oder deine Jugendromane, das sind ja alles zeitgeschichtliche Romane. Also jetzt haben wir gerade über, über: Feldpost für Pauline gesprochen oder auch Tatort Eden spielt ja auch, wann spielt das? Mr. Ralf: Äh, 1990. Bisschen später. Bisschen später. Maja Nielsen: Mhm. Dr. Stefan: Weimarer Republik ist das dann schon. Maja Nielsen: Weimarer Republik, aber ich hab's gekoppelt mit, äh, mit 'ner heutigen Geschichte, also wo zwei Jugendliche eben dieser Geschichte auf- Mr. Ralf: Genau. Und jetzt, ähm, gibt's ja zwei Bücher, die so mit der deutsch-deutschen Geschichte, deine aktuellen Jugendromane, die mit der deutsch-deutschen Geschichte spielen. Mr. Ralf: Und auch da ist es ja so, dass die nicht nur Umfangreich recherchiert sind, sondern da hast du jetzt das Glück, da gibt's ja sogar Zeitzeugen oder es gibt Vorbilder für diese Geschichten, die du erzählst oder die du dann literarisch umwandelst. Also beim, beim ersten, die Tunnelbauer- Maja Nielsen: Mhm. Mr. Ralf: Da gibt es ja offenbar ein, ein richtiges Vorbild. Mr. Ralf: Wie, wie ist denn da der Kontakt zustande gekommen und hat sich diese Geschichte so aus-- entwickelt, dass da 'n Buch draus geworden ist?
Maja Nielsen Also zu der Geschichte, äh, bin ich, äh, ähm, wie die: Jungfrau zum Kind gekommen, kann man so sagen, ne. Also ich hab 'ne argentinische Schwiegertochter- Der wollte ich Berlin zeigen und, äh, da haben wir eine Führung gebucht und das ist wahrscheinlich der heißeste Tipp bei dieser Sendung. Maja Nielsen: Wir haben 'ne Führ-Führung gebucht bei dem Verein Berliner Unterwelten. Dr. Stefan: Ja. Maja Nielsen: Die bieten 'ne Führung an in den Untergrund Berlin. Da geht's mal zu irgendwelchen Nazi-Bunkern oder eben zu den Fluchtwegen während der Zeit der deutschen Teilung. Mr. Ralf: Die gibt es noch? Maja Nielsen: Ja, da, da, also mal stehst du halt vor der Kanalisation. Mr. Ralf: Mhm. Maja Nielsen: Ja, weil manche Leute sind ja buchstäblich durch die Scheiße- Mhm. In die Freiheit geschwommen. Mal stehst du an einem Ü-U-Bahn-Schacht und du stehst vor einem dieser Tunnel unter der Bernauer Straße. Also der Verein Berliner Unterwelten, die haben einen Besuchertunnel, da kann man aufrecht gehen und dann steht man vor so 'nem Tunnel.
Maja Nielsen Und Tunnel klingt erst mal so nach Tunnel, aber das sind tatsächlich staubige Röhren, wo man sich nicht vorstellen: kann, dass Menschen da freiwillig, es ist sehr beengt, ja. Diese Tunnel hatten ja einen Durchmesser von fünfundachtzig Zentimeter. Eine Länge- Dr. Stefan: Kriechtunnel Maja Nielsen: teilweise. Kriechen. Die mussten da durchkriechen. Maja Nielsen: Teilweise standen die voll Wasser und es ging hundertfünfzig Meter unterm Todesstreifen unter der Berliner Mauer durch. Mhm. Ja, und wenn man das sieht und sich vorstellt, dass Familien mit kleinen Kindern sich da auf 'n Weg gemacht haben, mit Babys da durchgegangen sind, dann weiß man, wie groß der Freiheitswille von manchen Menschen damals war und auch, was die deutsche Teilung, ähm, Familien angetan hat, was wir ja heute immer noch merken. Maja Nielsen: Mhm. Ja, also ich weiß nicht, ich hab mich damals so gefreut über den Mauerfall, aber man muss sagen, im Grunde stehen sich, äh, die alten und neuen Bundesländer manchmal verständnislos gegenüber. Jetzt bei den Wahlen Mr. Ralf: steht Maja Nielsen: man wieder- Ja, diese Tunnel Mr. Ralf: haben Maja Nielsen: den,
Mr. Ralf die Verbindung: nicht, äh, für alle so geöffnet. Mr. Ralf: Auch mental im Kopf ist nicht für jeden der Weg von Ost nach West und West nach Ost schon so offen. Maja Nielsen: Ja, aber es ist sehr wichtig, dass wir uns über diese Zeit auseinandersetzen oder austauschen. Und, äh, ich hab, ich seh mein Buch eigentlich als Gesprächsangebot. Mhm. Und das funktioniert eigentlich Sehr gut, ja. Maja Nielsen: Was hast du erlebt in der Zeit der deutschen Teilung? Wie ging's deiner Familie? Und, ähm, ja, ich hab ja gesagt, ich schreibe hauptsächlich, um zu lesen, ja. Also ich hab mit, ähm, Achim Neumann, dessen Geschichte ich aufgeschrieben hab, ungefähr hundertfünfzig Lesungen inzwischen gemacht auf der ganzen Welt in China. Maja Nielsen: Wir waren sogar in Kairo an den deutschen Schulen. Wir waren in Prag, haben vor hundert, ähm, tschechischen Jugendlichen gelesen, in Spanien überall, ja und haben ganz viele Geschichten gehört. Wie bist Dr. Stefan: du auf Achim Neumann gestoßen?
Maja Nielsen Ja, eben als ich dann, äh, als ich mit meiner Schwiegertochter vor dieser staubigen Röhre, äh, stand, dann hab: ich, dann hab ich gedacht: „Ja, das ist ein guter Ansatz", und hab dann 'n bisschen rumgeguckt im Internet und hab, ähm, erfahren, dass da einer war, der seine Freundin, also das Motiv war Liebe, warum er diese Tunnel gegraben hat. Maja Nielsen: Und da hab ich gedacht, das ist 'n Motiv, das versteht jeder, weil ich will auf keinen Fall mit meinem Buch polarisieren. Ja, ich will die Leute eigentlich, ich will zur Versöhnung beitragen oder zum Gesprü-- ich will- Brücken Dr. Stefan: bauen. Maja Nielsen: Ja, Tunnel bauen, Brücken bauen, ja, sozusagen, nicht. Und, ähm, dann hab ich den, äh, Kontakt zu ihm aufgenommen. Maja Nielsen: Ja, und dann haben wir uns getroffen. Also die Voraussetzung war natürlich, die Chemie stimmte sofort. Ja, also und, äh, und die Geschichte, die er zu erzählen hat, die hat sich dann erst Schritt für Schritt so enthüllt. Ja, da, äh, ich wusste nicht, als ich ihn tre-traf, wie viel er tatsächlich erlebt hat und wie, äh, besonders eben seine Biografie ist, ne.
Mr. Ralf: Wie viel von diesen Gesprächen ist denn dann in dieses Buch eingeflossen oder wie viel Fiktionalisierung ist da noch dazugekommen? Kannst du das so einschätzen? Maja Nielsen: Also, ähm Ich hab die Protagonisten jünger gemacht, damit sie besser zur Zielgruppe, äh, äh, passen. Ich musste ehrlich gesagt sehr viel von Achims Leben weglassen, sonst hätte mir das keiner mehr geglaubt. Maja Nielsen: Er war an sechs Fluchttunnelbauten beteiligt. Was der Mann erlebt hat, das, das sprengt ein Jugendbuch. Ich hab davon nur drei thematisiert. Ja. Und, ähm, ja, ich hab, ähm, aber, äh, das, das größte Kompliment, was ich für dieses Buch erhalten habe, war von Achim selbst. Ja, der, äh, das ist ja 'ne besondere Beziehung, ne, wenn man dann-- Äh, ich wusste, der Kurier bringt ihm jetzt mein Manuskript.
Maja Nielsen Heute liest er es, weil das ist natürlich klar, dass mir wichtig war Was hält er davon? Soll ich noch was ändern? Und, ähm, dann hat er mir geschrieben,: ähm: „Also ich hab das Buch in, was weiß ich was, viereinhalb Stunden durchgelesen. Es wär auch in dreieinhalb Stunden gegangen, aber ich musste mir immer mal wieder meine Augen wischen, die Tränen abwischen.“ Maja Nielsen: Und dann sagt er: „Du hast zwar ein paar Dinge erfunden, aber alles, was du erfunden hätte hast, hätte genauso auch stattfinden können.“ Das ist 'n Lob. Ja, und das, das Das bedeutet mir die Welt. Wie alt ist Achim Dr. Stefan: heute? Maja Nielsen: Ähm, 87 Jahre. Dr. Stefan: Oh. Maja Nielsen: War aber eben gerade noch mit mir in China. Dr. Stefan: Okay. Maja Nielsen: Peking, Shanghai, Hongkong und Shenyang. Maja Nielsen: Ja. Mr. Ralf: Ja, was da so ungewöhnlich ist, ist mir zumindest aufgefallen, dass dieser Achim ja auch im Buch Achim heißt. Also du hast ja gar nicht-- Also oftmals sind ja bei solchen Geschichten die Namen geändert, damit die Menschen dahinter nicht so im Fokus stehen. Da wird einer Dr. Stefan: Jürgen oder Manfred oder irgendwas Mr. Ralf: für raus. Mr. Ralf: Aber, aber Du hast ihn so gelassen und er wollte das auch so. Er fand das auch völlig in Ordnung, dass man quasi ja diese Person da auch sehen kann.
Maja Nielsen: Ja, ich hatte am Anfang, äh, also Achim wird von seinen Freunden, also er heißt Joachim, er wird von seinen Freunden Achim genannt und ich hab zuerst gedacht, ich gebe ihm den Namen Jo oder so was, ne. Maja Nielsen: Und dann irgendwie im Schreiben, da kam dann irgendwie so: „Nee, der muss Achim heißen." Und dann habe ich mit ihm gesprochen. Er war einverstanden und wir haben teilweise die anderen Tunnelbauer - der Achim hat ja nicht alleine die Tunnel gebaut, da waren ja sehr viele andere auch beteiligt. Und, ähm, ja, da man die teilweise nicht erreichen konnte, manche waren auch schon gestorben, da haben wir dann eben, um da auf der sicheren Seite zu sein, haben wir uns, haben wir da andere Namen genommen und nur bei Achims Familie, wo wir auch wirklich die Erlaubnis hatten, haben wir die Klarnamen genommen.
Maja Nielsen Und wenn man das Buch liest, ähm, also gerade in Berlin an der Bernauer Straße, wenn man, also wenn man mit, mit seinen Kindern, weiß ich nicht, man widmet sich diesem Buch und man geht dann die Bernauer Straße entlang, da sieht man auf der Bernauer Straße Metallplatten, die: oben eingelassen wurde, wo unten die Tunnel von Achim und seinen den anderen Tunnelbauern, äh, entlanggegangen sind. Maja Nielsen: Also man kann, wenn man das Buch hat, dann kann man in Berlin nachvollziehen, wo das war. Also es ist minutiös recherchiert. Es ist eben auch-- Ich hab, ich hole mir dann auch immer wirklich Top-Fachleute, die dann noch mal und noch mal drübergucken. Also es ist mir sehr, sehr wichtig, diese Genauigkeit, ne. Maja Nielsen: Weil, ähm, ich lese auch am liebsten Sachen, die, wo man weiß, dass die stimmen. Dr. Stefan: Du hast ja auch bei den, ähm, also ich finde, die, sowohl die Dialoge als wie du die Situation beschreibst jeweils, ähm, man denkt immer, man ist mittendrin, ähm- Nur liegt das Ganze ja nun auch 50, 60, 70 Jahre zurück. Ähm, wie, wie, wie schaffst du das sozusagen, diesen, diesen, diese Atmosphäre, diese dichte Atmosphäre jener Zeit, sage ich mal, wiederzuerwecken?
Maja Nielsen Also ich habe mit sehr: vielen Leuten gesprochen, ich habe sehr viele Interviews gelesen und ich war im ständigen Austausch mit Achim Neumann. Achim Neumann ist natürlich das ganz große Glück, weil der hat einfach ein sehr gutes Gedächtnis und, ähm, hat auch Spaß daran, Dinge zu erklären. Also wenn ich 'ne Frage hatte, dann, äh, konnte ich ihm die per WhatsApp schicken und dann habe ich wenig später die Antwort gekriegt. Maja Nielsen: Das ist 'n Traum für 'n Autor, ne. Und, äh, der konnte mir Sachen sagen, ähm, da, die hätte ich aus keinem Buch lesen können. Also so ein Beispiel: Ähm Ich wollte beschreiben, äh, wie eben, ähm, so 'ne normale Familiensituation und seine Mutter war sehr temperamentvoll, das hatte ich schon gehört. Und dann hab ich gesagt: „Worüber würde sich deine Mutter 1961 im Mai fürchterlich aufregen?"
Maja Nielsen Und da hab ich erfahren, dass man damals im Mai in Ostberlin, 1961, wenn man in 'n Supermarkt ging,: dann musste man immer seinen Personalausweis vorzeigen, weil die Waren in Ostberlin günstiger waren als in Westberlin. Ja. Und dann hat sie halt mal ihren Personalausweis, äh, vergessen und dann hat sie die Ware nicht ausgehändigt gekriegt, obwohl die Verkäuferin sie kannte. Maja Nielsen: „Ey, hol das mal aus 'm Buch raus. Kriegst du nicht, ja." Und das war eben, äh, das Tolle. Und, äh, wenn ich irgendwie 'ne Frage hatte, dann hat er auch den Spaß gehabt, sich mit seiner Schwester auszutauschen, mit seinem Schwager. Ich hab die auch alle getroffen und, ähm, das, die, meine Bücher entstehen halt ständig im Dialog. Maja Nielsen: Ja, ich bin also keiner, der, äh, so in Klausur geht. Überhaupt nicht beim Schreiben. Dr. Stefan: Und, und wie schaffst du sozusagen diese Sprache der damaligen Zeit, wenn die jungen Leute untereinander sich unterhalten? Ich nehme an, dit war ooch, äh, bisschen anders gewesen. Also wie, wie, wie über- Ich
Maja Nielsen hab's nicht-- Ja, ich hab's ehrlich gesagt nicht übertrieben, weil, äh, ich finde, äh, für Jugendliche, wenn das dann so: ganz so wie im Mittelalter, also es jetzt nicht Mittelalter oder so klingt, dann hat auch keiner mehr Bock, das zu lesen. Maja Nielsen: Also ich hab 'n paar Worte eingestreut, also irgendwie statt Zigarette hat man da Lolle gesagt oder so was, ne. So, aber ansonsten hab ich das eigentlich doch nach meinem Gefühl sehr heutig beschrieben. Mr. Ralf: Und wie nehmen Jugendliche das heute wahr, wenn du das liest? Also jetzt, ich sag jetzt mal, in Kairo und China ist es ja noch mal 'ne ganz andere Situation. Mr. Ralf: Aber wenn du jetzt, sagen wir mal, in Berlin, Hamburg, München aus der Geschichte liest, das ist ja, die, die meisten kennen ja nicht mal mehr die Mauer. Also sie haben, haben ja die deutsch-deutsche Geschichte dann irgendwie auch nur vermittelt aus dem Geschichtsunterricht mitbekommen. Wie, wie reagieren die denn auf so 'ne, so 'ne Geschichte?
Maja Nielsen Absolut angefasst. Absolut angefasst. Die Jugendlichen interessieren sich, anders als man das vermuten würde, sehr für die Zeit der deutschen Teilung. Und, ähm, sie spüren auch, was Achim da gemacht hat. Ja. Also, ähm, so: 'ne lustige Geschichte war, als ich in 'ner Realschule in Leimen war und dann hat irgendwie – wir haben ja immer ein bisschen Technik dabei. Maja Nielsen: Ähm, also, äh, und dann hat irgendwie so 'n, äh, was weiß ich, aus der zehnten Klasse jemand, äh, sich freiwillig gemeldet, uns das Technikzeug da bis zum Auto zu tragen. Und die Lehrerin kam auch mit und die hat fast Schnappatmung gekriegt, als der Schüler dann am Schluss Achim die Hand reichte und sagte: „Es war mir eine Ehre." Intro: Ja. Manchmal kommen die, kommen die Schüler, also diese, diese, die eigentlich erkennbar in der Pubertät sind, die haben 'ne sehr enge Beziehung- Mhm. -zu Achim und, äh, die kommen dann und, äh, geben ihm die Hand und sagen: „Danke." Und Achim guckt mich an. Ich weiß jetzt nicht so genau, wofür er sich bedankt hat, aber vielleicht weil das doch irgendwie diese Bedingungslosigkeit, mit dem sich die Tunnelbauer für die Demokratie stark gemacht haben.
Maja Nielsen Mhm. Ja, wie wichtig denen: Freiheit waren, wie viel Einsatz die gebracht haben, das überträgt sich. Beeindruckt. Ja. Also es ist wirklich, ähm, wir haben in Hannover, ja, da hat der Bödecker Kreis, ähm, hat ein Zirkuszelt auf 'm Rathausmarkt aufgebaut. Da waren ungefähr zweihundertfünfzig Jugendliche. Wir waren in der Manege, ja, und die Jugendlichen drumherum und es war still. Maja Nielsen: Die-- Also ich merk, dass die Jugendlichen, die finden in dieser Geschichte also Antworten, ähm, oder Orientierung, eigentlich Orientierung, denk ich, ist es. Dr. Stefan: Da musst du jetzt kurz auch noch mal was sagen, weil du hast eben nebenbei so erwähnt, da haben wir so 'ne Kiste mit Technik und so weiter. Also bei dir ist das ja 'ne durchgeplantes, äh, heute würde man sagen Event sozusagen.
Dr. Stefan Also du nimmst die, ähm, deine, deine Zuhörer und Zuhörerinnen sozusagen mit gedanklich auf eine Reise. Und, ähm, wie, wie, wie planst du so eine, ich will jetzt nicht sagen Show, aber es ist ja 'ne Veranstaltung und, ähm, die, die fühlen: sich zum einen unterhalten, sie werden, äh, ihnen wird Wissen vermittelt, ähm, das unterhaltsam ist. Dr. Stefan: Sie lernen echte Menschen kennen. Sie lernen Menschen. Sie-- Also ist ja ganz viel. Wie, wie machst 'n du das generalstabsmäßig? Weil, ähm, das, was auf der Bühne scheinbar leicht aussieht, ist in Wirklichkeit harte Arbeit. Maja Nielsen: Och, weiß ich nicht, ob das so harte Arbeit ist. Also erst mal ist, ähm, was ich von Anfang an, äh, gemacht habe, was manche-- Also das, das ist heute eigentlich Standard, aber ich hab immer meine, mein ganzes Auto voll Technik. Maja Nielsen: Also, äh, wenn 'ne Bücherei irgendwie keinen Beamer hatte, ich hatte meinen Beamer dabei. Ich hab 'ne Box dabei, ich hab zwei hochkarätige Mikros dabei. Ich hatte früher, äh, also ich hab alles dabei. Ja. Weil natürlich nicht, weil- Auch Dr. Stefan: die Lautsprecherbox. Maja Nielsen: Ja. Und zwar in guter Qualität. Einmal für zweihundert Leute, einmal für vierhundert Leute.
Maja Nielsen Und wenn's mehr Zuschauer sind, dann geh ich davon aus, dass der Veranstalter das stellt. Also das, das gehört für mich , mir: bringt das auch Spaß, ja. Das gehört für mich irgendwie dazu, dass man mich gut hört und dass ich auch Bilder zeigen kann, ähm, ähm, dass das steht, ja. Du Dr. Stefan: hast auch eigenes Headset wahrscheinlich und all das, ähm. Maja Nielsen: Alles. Dr. Stefan: Okay. Mhm. Maja Nielsen: Ich berate auch Kollegen. Dr. Stefan: Profi. Okay. Ja, das macht viel aus. Maja Nielsen: Ja, das gehört für mich dazu, weil wenn 'n Autor an 'ne Schule kommt, man kann den gar nicht verstehen. Ja. War Dr. Stefan: bestimmt interessant, aber ich hab's nicht verstanden. Ich hab's auch nicht gehört. Na ja, es ist doof. Maja Nielsen: Ja, genau. Dr. Stefan: Blöd. Ja. Maja Nielsen: Ja, genau. Maja Nielsen: Ja und ansonsten, ähm, ist das so 'n bisschen wie gesagt, ich, ähm, ich entwickel so wie wohl meine Bücher als auch meine Veranstaltungen in, bei Doing. Ja. Also ich probier's aus. Ich mach auch oft, ähm, Vorlauf, also wo ich an irgendwelche Schulen gehe und sag': "Äh, ihr kriegt das jetzt alles umsonst und dann gebt mir mal hinterher Feedback" und dann schichte ich um, dann probier ich's noch mal, bis es eben diese Leichtigkeit kriegt, ne.
Dr. Stefan Also es ist: am Ende auch vielleicht, ähm, jedes Mal 'n bisschen andere Variante. Maja Nielsen: Ja, natürlich. Ja. Dr. Stefan: Mhm. Und du, du hast ja auch 'n Feedback, ähm, was du erwartest von deinen Zuhörerinnen und Zuhörern. Ähm, das ist ja auch nicht blamierbar, wie, was die sagen, wie sie reagieren, ne. Musst ja auch immer sehr-- Aber da kommt dir die Schauspielerin zugute in dir, die, ähm, einfach auf alles, auf alles reagieren kann. Dr. Stefan: Ja, viele sind dann hin und- Maja Nielsen: Aber das weißt du doch auch. Du, man merkt, du merkst doch, ob's ankommt oder nicht. Und da muss man sagen, also, ah, die, wenn, wenn manchmal kommen Kollegen und sagen: "Also ich hatte heute Jugendliche, die waren so unaufmerksam." Also wenn bei mir J-Jugendliche unaufmerksam sind, dann zieh ich mir das echt an und dann versuche ich das beim nächsten Mal 'n bisschen anders zu machen.
Mr. Ralf Ja. Kriegst du ja beim Rhetoriktraining beispielsweise auch immer-- Also klassischer Fall ist ja immer, die Leute gucken auf ihr Handy und gucken nicht zu dir. Ja. Ähm, da kriegt man ja auch tausend Dinge an die Hand, wie, wie hol ich mein Publikum wieder zurück? Weil das: eigentlich ist es, äh, ähm, sehr, eigentlich 'ne Frechheit, wenn man nicht zuhört, wenn man doch eigentlich vor der Bühne, auf der Bühne steht oder vor Leuten steht und irgendwas erzählt und die sind mit anderen Dingen beschäftigt. Mr. Ralf: Aber man braucht eben auch Mittel an der Hand, um die Leute wieder zurückzuholen. Und ja, das ist doch 'ne sehr, sehr nützliche und hilfreiche- Maja Nielsen: Ja Also der, äh, oberstes Gebot bei uns, äh, Autoren: Du sollst nicht langweilen. Mr. Ralf: Ja. Maja Nielsen: Ne? Das ist es einfach. Und damit, ähm, ja- Sind Dr. Stefan: wir bei Marcel Reich-Ranicki. Ja, Mr. Ralf: auch die Bücher sollen- Dr. Stefan: Sollen nicht langweilen. Dr. Stefan: Genau. Aber es gibt noch 'n zweites. Mr. Ralf: Genau, das falsche Leben. Das ist jetzt, äh, quasi so 'ne Art umgekehrte Geschichte. Also nicht die Flucht von Ost nach West, sondern in dem Falle eine Agentengeschichte eines, ähm, ostdeutschen Agenten, der kurz vor dem Aufdecken mit seiner Familie in den Osten flieht, wenn man so will- Dr. Stefan: Mhm.
Mr. Ralf -weil er befürchtet, sonst verhaftet zu werden. Und da: spielt natürlich dann auch die beiden Jugendlichen, die beiden Kinder der Familie eine große Rolle, die, äh, unfreiwillig zu dem, zum Westflüchtling werden und jetzt gucken müssen, wie sie in, in dieser DDR aufwachsen können oder in dem Ostdeutschland und auch am Anfang ja gar nichts von ihrer, von der Tätigkeit ihres Vaters wissen. Mr. Ralf: Ähm, also es ist jetzt 'ne ganz umgekehrte Geschichte, aber die beruht auch wieder auf einem real, auf 'ner realen Maja Nielsen: Geschichte. Ja, genau. Also es kam dazu, weil ich, ähm, 'ne Veranstaltung gemacht hast, hab fürs Berliner Literaturhaus und da kam eben, äh, 'ne Schulklasse aus dem Umland, also, also aus dem ehemaligen Osten.
Maja Nielsen Und da waren so zwei Mädchen und die kamen auf mich zu und die ka, sagten „Kannst du mir mehr über die Stasi erzählen?" Und ich sagte „Äh, wieso?" Und die eine meinte „Ja, mein Opa hat für die Stasi gearbeitet und meine Familie spricht nicht darüber. Ich erfahre nichts. Wie kann ich mehr herausfinden, was der damals gemacht: hat und was Stasi überhaupt ist?", Maja Nielsen: oder so. Und das hat mich sehr ins Nachdenken gebracht, ne. Da wurde mir klar, dass Stasi eben, die haben nicht nur andere Leute schikaniert, indem sie sie ausspioniert haben. Die hatten ja auch äußerst das Geheimhaltungsgebot oder so wie, oder wie man das auch immer nennt. Die haben auch in ihren Familien nicht gesagt, was ist. Maja Nielsen: Was sie tun. Dieses Schweigen legt sich auf diese Familien. Und ich hab gedacht, also als Stasi-Kind, das ist sicherlich - oder in dem Fall war es eine Stasi-Enkeltochter, ne. Äh, also das Leiden war spürbar, ja, die Sprachlosigkeit. Und da hab ich angefangen, mich dafür zu interessieren und es war mir eben auch total wichtig, jemanden fi...,
Maja Nielsen zu finden, der wirklich dieses Schicksal erlebt hat. Ja, weil grade eben zwischen Ost und West, was ich vorhin sagte, das ist, da ist vieles noch unausgesprochen und wenn man jetzt anfängt, sich Sachen einfallen zu lassen und zu erfinden und so weiter, ne, dann, ähm, dann: wird, glaub ich, dieser Dialog gestört, ne. Maja Nielsen: Aber der Dialog, der wird ehrlich gesagt auch durch das Buch gestört, was ich geschrieben habe, weil das so krass und hart ist und den Finger so in die Wunde legt. D-Das ist schon auch, das macht's halt auch schon vielen Leuten nicht so ein- Also die Reaktion hast Dr. Stefan: du schon widergespiegelt bekommen auch. Maja Nielsen: Ja, als ich in Greifswald war, da hab ich gemerkt Viele wollen die Geschichte nicht hören, obwohl die Geschichte von Thomas, das ist ja der sechzehnjährige Sohn der Familie, der will ja eigentlich nur eins: Der will zurück nach Hannover, wo er aufgewachsen ist, wo er seine Freunde hat. Und dadurch, dass die Familie dann tatsächlich versucht zu fliehen, was ja eine Straftat war, ähm, kommt er in den Stasi-Knast in Hohenschönhausen, teilweise in Einzelhaft.
Maja Nielsen Drei Jahre hat man den damals Neunzehnjährigen eingesperrt. Also 'ne total krasse Geschichte und er hat wirklich nichts gemacht. Ja, er ist wirklich ein Opfer, aber, mmm, es legt halt: den, den Finger in die Wunde, was die DDR auch war. Bestimmt auch neben vielen guten Sachen gehört eben diese Stasi-Vergangenheit halt auch dazu. Mr. Ralf: Diesen Thomas gibt es wirklich? Maja Nielsen: Mit dem mache ich auch Veranstaltungen. Ach Mr. Ralf: so. Maja Nielsen: Ja. Mr. Ralf: Ja. Maja Nielsen: Thomas mache ich auch Veranstaltungen, ja. Mr. Ralf: Und der heißt auch Thomas. Maja Nielsen: Ja, da habe ich eben-- Ich hatte nur seinen Namen richtig genannt. Und dann bei seinem, ähm, Bruder, der, äh, der war schon achtzehn, dem ist es gelungen, rechtzeitig noch wegzukommen. Maja Nielsen: Ja, da hatte ich einen anderen Namen gewählt und dann hatte der Bruder gesagt: „Nee, ich will auch, dass mein klarer Name in dem Buch steht." Mr. Ralf: Mhm. Also schon, das klingt irgendwie ein bisschen wie so 'ne, so 'ne Räuberpistole fast, aber anscheinend ist das ja kein Einzelfall gewesen. Es gab's ja, gab ja durchaus den einen oder anderen, der da für die Stasi auch im, im Westen Maja Nielsen: Zwölftausend. Mr. Ralf: Zwölftausend.
Maja Nielsen DDR-Spione. Also, äh, weiß man, man weiß--: Umgekehrt weiß man nicht, wie viele Spione vielleicht von Westdeutschland nach Ostdeutschland gegangen ist und der berühmteste, also Räuberpistole, äh, klingt es eigentlich nur, wenn man nicht an Guillaume denkt. Ja genau, war Mr. Ralf: jetzt in Maja Nielsen: Anführungszeichen zu Mr. Ralf: verstehen, Maja Nielsen: aber- Es klingt, es klingt so schräg, aber wenn wir uns erinnern, gerade in damals Willy Brandt, der Günter Guillaume und dessen Sohn Pierre Guillaume, ähm, der ist dann ja auch nach Ostberlin gegangen und der war zufällig an der gleichen erweiterten Oberschule wie Thomas Raufeisen. Dr. Stefan: Mhm. Maja Nielsen: Ja, also auch ein Stasi-Kind, wenn man so will, ne. Dr. Stefan: Aber die wussten wahrscheinlich von untereinander wussten die nicht, was Maja Nielsen: die-- Erst Dr. Stefan: später. Maja Nielsen: Erst später. Die waren auch nicht zeitgleich da. Dr. Stefan: Ah, Maja Nielsen: okay. Aber trotzdem. Also es ist 'ne vergleichbare Geschichte, wo man, wo man sagte, so einzigartig. Na ja, es ist schon einzigartig. Maja Nielsen: Es ist ein einzigartiges Schicksal, ohne Zweifel, ja. Aber es haben auch, er teilt es mit mehreren.
Mr. Ralf Vielleicht kann man ja sagen, es ist eine Fülle von einzigartigen: Schicksalen, weil ich glaube, jeder irgendwie ganz individuell mit dieser Situation oder mit auch den Ängsten entdeckt zu werden, nicht entdeckt zu werden. Mr. Ralf: Wahrscheinlich sind viele von denen auch Bis an ihr Lebensende im Westen gewesen. Es war ja nicht für alle klar, dass sie, dass sie jetzt zu diesen, diesen Daten gehören, die in dem Buch dann auch am Anfang stehen, die, die Gefahr, dass man da auf der Liste steht und plötzlich- Maja Nielsen: Enttarnt Mr. Ralf: wird. Enttarnt wird. Maja Nielsen: Ja, das war eben ein, äh, Stasi-Offizier, der sich 'n tolles Leben im Westen versprochen hat und der dann-- Also es ist auch 'ne-- Das ist wirklich 'ne Räuberpistole, wie dieser Werner Stiller heißt der Mann, der ist durch die Agentenschleuse unter dem Bahnhof Friedrichstraße in den Westen gekommen und hat, ähm, siebzig Leute enttarnt, um sich 'nen guten Eintritt in den Westen zu verschaffen. Maja Nielsen: Also der hat dann dem Bundesnachrichtendienst die Klarnamen von diesen Stu- äh, Spionen genannt, ne. Und das, ja, allein das ist auch sehr spannend, ne.
Dr. Stefan Und: damit ist jetzt noch gar, also das ist der zweite Band und, ähm, wie sagt man? Wie aus gut unterrichteten Kreisen verlautet, sitzt du auch schon an einem dritten. Dr. Stefan: Also dass es eine runde, in sich runde Trilogie gibt. Maja Nielsen: Ja genau. Ich find es total wichtig, dass die Jugendlichen, die eben diese Zeit nicht erlebt haben, ähm, dass die da darüber Bescheid wissen und dass einzelne Zahlen oder so vermitteln das nicht. Während ich denke, Literatur plus Zeitzeuge, die öffnet den Kopf. Maja Nielsen: Ja. Also die, das, das, das funktioniert wirklich sehr, sehr gut. Und natürlich fehlt mir noch der Mauerfall. Und, ähm- Mr. Ralf: Ja, weil die Frage war ja schon, es geht von Ost nach West, es geht von West nach Ost. Jetzt haben wir ja eigentlich beide Richtungen durch. Was, was kann jetzt als drittes da kommen? Was passt da noch dazu? Maja Nielsen: Ja, das jetzt- Jetzt wird's ja rund Mr. Ralf: quasi.
Maja Nielsen Jetzt, jetzt geht's wieder, äh, letztendlich von, ähm, Ost nach West. So eine: Situation, die, die mir immer Gänsehaut bereitet, ist, äh, weiß nicht, geht euch vielleicht ähnlich, wie Genscher auf dem Balkon der Botschaft in Prag stand und sagte: „Ich bin heute hierhergekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass Ihre Ausreise Maja Nielsen: Wow. Und dann hört man nichts mehr. Da schreien viertausend Leute, vielleicht waren's auch mehr, die sich auf dieses Botschaftsgelände geflüchtet haben, die da seit Monaten waren unter, also ganz schlimmen Bedingungen. Ja, es waren ja keine Toiletten da. Die haben auf Treppenstufen geschlafen. Der, das war-- Also die Botschaft, das ist ja ein kleiner Palast mit 'm, ähm, parkähnlichen Anwesen.
Maja Nielsen Das war nur noch Schlamm und Müll und weiß nicht was. Also der Druck auf die, auf die Politiker wuchs, dieses Problem zu lösen und dann dieser erlösende Schrei. Ja. Und ich wollte unbedingt jemand haben, der dabei war, ne. Und dann, ähm, bin ich halt erst mal nach Prag gefahren,: hab mit der Botschaft Kontakt aufgenommen und hab gesagt: „Ich will auf den Genscher-Balkon. Maja Nielsen: Ich muss das einfach mal sehen.“ Dann bin ich da oben hingegangen- Oh Leute, wenn man da oben hingeht und in diesen Park geht, die haben da halt auch eine Tafel aufgestellt: „Hier stand Hans-Dietrich Genscher dann und dann und hat das und das gesagt." Aber du kriegst Gänsehaut, ja. Das kann man natürlich den Jugendlichen, die das nicht erlebt haben, diese Zeit. Maja Nielsen: Ich hoffe, dass mein Buch das irgendwie vermitteln kann, was das für ein Moment in unserer Geschichte war, ne. Mr. Ralf: Du durftest da auch ohne diesen-- War das nicht ein gelber Pullover? Dr. Stefan: Nein, nein, da verwechselst du was. Da verwechsel-- Intro: Die Strickjacke. ' Mr. Ralf: Ne Strickjacke. Maja Nielsen: Die ist jetzt im Deutschen Museum im Haus der Geschichte. Dr. Stefan: Der stand da nicht im gelben äh- Mr. Ralf: Nee, aber irgendeine ikonische Klei-- Irgendein ikonisches Kleidungsstück war es. Okay, es Dr. Stefan: war nicht gelb. Mit V-Ausschnitt. Doch, doch, FDP-gelb natürlich. Das ist Mr. Ralf: doch Dr. Stefan: gelb. Ja, aber nicht auf dem Balkon. Maja Nielsen: Nicht auf dem Balkon. Dr. Stefan: Nein, nicht auf dem Balkon. Ach, Mr. Ralf: nicht auf dem Balkon. Dr. Stefan: Hatte Mr. Ralf: er da nicht
Dr. Stefan an. Nein, der hatte da einen: Anzug. Also der war ganz Diplomat. Ja, hatte der was Mr. Ralf: drunter. Er hat ja nicht nur einen Anzug, Dr. Stefan: aber drunter nix. Nein, der hatte 'ne Weste immer da unten drunter. Das andere war die legere Casual Suite oder wie sagt Mr. Ralf: man? Ja, ist ja wurscht. Dr. Stefan: Genau. Mr. Ralf: Irgendwie hatte ich das so in Erinnerung, dass das auch. Dr. Stefan: Nein, nein, nein, da nicht. Mr. Ralf: Ach, meine Erinnerung lässt auch schon nach. Aber da ist ja gut, dass dein Buch kommt. Dr. Stefan: Ja, genau. Wir sind alle drei Jahrgang vierundsechzig, gell? Ja. Mr. Ralf: Ja, ja. Wir haben es ja in der Blüte unseres Lebens mitbekommen. Da hätte man sich's ja merken können eigentlich. Aber du hast es besser als ich- Dr. Stefan: Das stimmt. Mr. Ralf: Getan. Dr. Stefan: Ja, Mr. Ralf: also das, Dr. Stefan: das rundet ab sozusagen. Mr. Ralf: Aber du hast jetzt jemand gefunden, der, der dort vor Ort in dem, in dem Garten war und diesen Moment miterlebt hat. Maja Nielsen: Ja, er war auf dem Vorplatz. Ja, der, also aber ich war, ich war da und irgendwie die Frau, die mich da durch die Botschaft geführt hat, die hat mich auf ihn aufmerksam gemacht.
Maja Nielsen Ich hatte zuerst gedacht, ich schreib über 'nen Sportler, weil Sport ist ja auch ein großes Thema in der DDR gewesen und dann, ähm, das ist 'n: Musiker, ähm, ja, äh, und es spielt so in, in Künstlerkreisen, aber also und, und mit ihm hab ich Interviews gemacht, mit seiner Freundin, ja. Also das ist, äh, ist wie, wie gehabt, versuch ich ganz, ganz nah an dem Erleben dieser Menschen, mich da reinzudenken und bin auch immer in Rücksprache mit denen, ob das auch so war. Dr. Stefan: Mhm. Und ein Teil des Romans spielt dann in Prag. Maja Nielsen: Ja. Mr. Ralf: Mhm. Dr. Stefan: Also mit etwas Vorlauf woanders wahrscheinlich. In Maja Nielsen: Dresden, Dr. Stefan: wo die Maja Nielsen: Familie herkam. Ja, genau. Dr. Stefan: Und dann Prag und dann wahrscheinlich- Köln. Wo sie dann hingingen. Maja Nielsen: Ja. Dr. Stefan: Köln. Mhm. Maja Nielsen: Ja. Dr. Stefan: Spannend, spannend. Also demnächst, ähm, können wir uns freuen auf. Maja Nielsen: 2028 leider erst, Dr. Stefan: aber na ja. Dr. Stefan: Und du bist ja gründlich, also insofern, ähm, aber du machst ja, wer dich erleben will, der kann ja weiterhin Veranstaltungen, äh, von dir erleben, mit Achim zum Beispiel.
Maja Nielsen Ja, kann, es: geht. Also wir sind gut gebucht, auch deswegen, weil wir haben, also das find ich 'n unglaubliches Glück, dass der Tunnelbauer 2027 Prüfungslektüre in Baden-Württemberg geworden ist, ne. Maja Nielsen: Ah, Dr. Stefan: okay. Maja Nielsen: Das heißt, wir sind in den Köpfen nah und aber für die, äh, ja, da ma, werden wir viel in Baden-Württemberg jetzt in der nächsten Zeit sein, ne. Dr. Stefan: Okay. Mr. Ralf: Mhm. Dr. Stefan: Also ich könnte jetzt noch als weiter, ähm, aber mit Blick auf die Uhr, ähm, müssen wir auf 2028 warten. Wir reden dann Mr. Ralf: Anfang 2028 noch mal über das neue Buch, wenn's da ist und über Details und viele spannende Dinge, die da drin vorkommen. Dr. Stefan: Also wir haben uns riesig gefreut, dass du zu uns gekommen bist, ähm, live im Tonstudio. Maja Nielsen: Ja, man merkt irgendwie gar nicht, wenn man sich so unterhält, dass das Band mitläuft, ne. Dr. Stefan: Ja, Maja Nielsen: ja. Ja, total nett. Ich hab mich auch echt gefreut, mit euch hier zu, zu reden, ne. Vielen Dr. Stefan: Dank. Dann vielen Maja Nielsen: Dank. Ja, ich dank, bedanke mich auch.